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Kurze Geschichte der ChatBots

Schneller als das Universum expandiert

Am 30. November 2022 veröffentlichte OpenAI den KI-basierten Bot ChatGPT. Die bis dahin für das breite Publikum unbekannte Firma stieg über Nacht zu Weltruhm auf und das technische Kürzel GPT ist fast schon zum sprachlichen Allgemeingut geworden. Nur fünf Tage später hatte OpenAI laut ihrem CEO, Sam Altman, schon 1 Million Nutzer auf ihre Webseite gelockt. Das ist ein in so kurzer Zeit bisher unerreichter Wert. Bis Oktober 2023 riefen 1,7 Milliarden Menschen die Web App auf. Das entspricht 21% der Weltbevölkerung. Niemand scheint davon mehr überrascht gewesen zu sein als OpenAI selbst. In einem Interview mit der MIT Technology Review vom 03. März 2023 sagte Jan Leike, einer der führenden Köpfe des Entwicklerteams: "I would love to understand better what’s driving all of this— what’s driving the virality. Like, honestly, we don’t understand. We don’t know." Ganz schön ehrlich, der Mann… .

Angefangen hat die Reise der intelligenten Bots am MIT mit Eliza Mitte der 1960er Jahre, bei dem erstmals Natural Language Processing-Methoden eingesetzt wurden. Weitere nennenswerte Meilensteine sind etwa Parry in den frühen 70ern und Alice in der Mitte der 90er. Er war der erste, der auf KI basierte und eine Technik namens Artificial Intelligence Markup Language (AIML) einsetzte, um menschliche Sprache zu simulieren. Am Ende der Dekade glänzte Jabberwacky als eine Maschine, die schon durch ihre Interaktion mit den Benutzern lernen konnte und humorvolle Antworten gab.

Bekanntere, jüngere Beispiele intelligenter Bots sind Siri von Apple aus dem Jahre 2011 und Alexa von Amazon, der drei Jahre später kam. Danach erscheint die Entwicklung wie komprimiert und wie im Zeitraffer zu verlaufen. An der Schwelle zu 2024 gibt es bereits eine große Zahl von KI-basierten ChatBots und ChatGPT ist nur noch einer unter vielen. Ihre Anwendungen differenzieren sich immer weiter aus, sie werden vertikal. Das kann man als Ansatz eines rasend schnell reifer werdenden Marktes sehen. – Auch wenn sie sich technologisch und qualitativ noch sehr erheblich voneinander unterscheiden. Dabei geht es aber nicht nur um fachspezifische Ausdifferenzierungen für wirtschaftliche oder wissenschaftliche Zwecke, auch "Spaß und Spiel" gibt es inzwischen reichlich. Wer sich mit Elon Musk, Napoleon Bonaparte oder dem Leibhaftigen unterhalten will (diese Nennungen sind zufällig), dem sei Character.ai empfohlen. Wer mehrere Bots parallel und vergleichend ausprobieren und anschließend seinen eigenen erstellen möchte, der sollte mal bei POE.com vorbeischauen. Das Tempo ist atemberaubend und OpenAI gebührt zweifelsfrei der Ruhm, den Big Bang initialisiert zu haben, das Tempo der Expansion des Marktes zu beeinflussen und die Konkurrenten (noch) vor sich her zu treiben. Letztere, wie etwa Google oder Meta, wurden einfach kalt erwischt und waren wohl ähnlich überrascht wie Jan Leike. OpenAI wirkte wie ein Knallkörper im Hühnerstall. Von Asien über Europa bis nach Nordamerika stehen die Investoren jetzt Schlange, um in KI-Startups zu investieren. In Deutschland gilt Aleph Alpha aus Heidelberg als Star der Szene, in Frankreich ist es Mistral. Aleph Alpha hat im November 2023 eine Finanzierungsrunde von 500 Millionen US Dollar im Beisein von Robert Habeck verkündet. Daran waren fast nur deutsche Unternehmen beteiligt, u.a. SAP, Bosch und die Schwarz-Gruppe (Lidl). Wer sich für einen kommentierten, guten Überblick über das aktuelle KI-Bot Geschehen und die wichtigen westlichen Player informieren will, besucht am besten den Blog von Zapier.com, einem Kooperationspartner von OpenAI. Die Tatsache, dass China bei den Bots ganz vorne dabei ist und an ihrer Vergangenheit und Zukunft kräftig mitschreibt, bleibt bei solchen "Listings" auffällig unerwähnt. Abgesehen von ein paar Ausnahmen herrscht noch eine Art westlicher Tunnelblick vor. Alibaba, das chinesische Gegenstück zu Amazon, hat mit Tongyi Qianwen im April einen ChatGPT-ähnlichen Bot angekündigt, der zukünftig in den Cloud-Produkten des Unternehmens integriert ist. Der Technologieriese Tencent trumpfte im Frühjahr mit HunyuanAide auf. Tencent plant damit, eine umfassende KI-Plattform für seine verschiedenen Tochterunternehmen zu etablieren. Sie besteht aus mehreren KI-fähigen Diensten wie WeChat (Gegenstück zu WhatsApp), Spielen, Anzeigen und Kurzvideos. Im August 2023 erhielten gleich fünf chinesische Firmen die Erlaubnis ihrer Regierung, ihre KI auf den Markt zu bringen. Darunter Ernie von Baidu und SenseChat von SenseTime. Chinesische KI-Bots benötigen dafür eine Genehmigung. Die Zensur möchte offenbar keine bösen Überraschungen erleben, wenn die Nutzer plötzlich Zugang zu großen Datenmengen haben.

Alan Turing auf dem 50 Pfundschein

"Can machines think?"

Der britische Wissenschaftler Alan Turing, neben John von Neumann einer der Väter der Informatik und Vordenker von Künstlicher Intelligenz, hat in einem berühmt gewordenen Paper zum Thema KI aus dem Jahre 1950 ein Experiment beschrieben, mit dessen Hilfe dieser Frage auf den Grund gegangen werden sollte. Es ist als Turing Test in die Historie der IT eingegangen und hat spätere Wissenschaftler inspiriert. Knapp skizziert beschreibt der Test, wie ein Mensch über Texteingaben an zwei nicht sichtbare Mitspieler Fragen stellt. Einer der beiden ist ein Computer sein. Wenn der Rechner die Fragen so gut beantwortet, dass der fragende Mensch nicht unterscheiden kann, ob die Antworten von dem Computer oder dem anderen Menschen stammen, dann hat ersterer den Test bestanden. Zweifelsohne würden die meisten unserer heutigen, marktreifen Bots den Turing Test mit Bravour bestehen. Turing hat ELIZA nicht mehr erlebt. Als man ihn in England wegen seiner Homosexualität vor die Wahl zwischen chemischer Kastration und Gefängnis stellt, hat er sich 1954, zwei Wochen vor seinem 42ten Geburtstag, das Leben genommen. Erst Premier Gordon Brown hat sich dafür 2009 öffentlich entschuldigt.

Beobachtet man die Entwicklung seit den Tagen von Turing, so fällt der gewaltige "Hockey Stick" auf, den wir gerade erleben. Die Kurve der KI-Bots und ihrer Marktentwicklung ist bis in unser Millenium eher schleppend angestiegen und hat sich in der gegenwärtigen Dekade gewaltig nach oben gestreckt. Die damit entbrannte Diskussion über die Regulierung von KI hängt dem Marktgeschehen weit hinterher. Das ist für die IT insgesamt nicht ungewöhnlich, war aber nie so ausgeprägt und so relevant. Es bleibt spannend zu beobachten, wie das Rennen zwischen Technik und Regulierung ausgeht. Ich würde mein Geld nicht auf letztere wetten.

Beitragsbild Rene Asmussen auf Pexels

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