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Woher kommt Amerikas IT-Dominanz?

Das Märchen vom Silicon Valley.

Apples futuristischer Firmensitz in Cupertino symbolisiert wie wenig andere Gebäude die Gigantomanie des Silicon Valleys. Der Bau aus Aluminium und Glas wurde 2017 eröffnet, hat einen Umfang von 1,46 km, beherbergt auf 262.000 m2 Bürofläche rund 15.000 Mitarbeiter und kostete 5 Milliarden US-Dollar. Die gut 60 Meilen des Valleys erstrecken sich von San Francisco im Norden bis San José im Süden. Keine andere Region der Welt steht so sehr für Unternehmergeist, technische Innovation und den globalen Aufstieg der IT zur Weltmacht. Neben Apple finden sich dort etwa Intel, der derzeitige Börsenliebling NVIDIA, Microsoft, OpenAI (ChatGPT), Googles Mutter Alphabet, Meta – die Muttergesellschaft von Facebook, Whats App, Instagram und Threads – sowie Oracle und HP. Auch wer wenig mit IT zu tun hat wird mit den meisten dieser Namen etwas anfangen können. HP gilt weithin als der "Initialzünder" des heutigen Silicon Valleys, weil dort die Firma im Umfeld der Stanford University und mit Unterstützung eines ihrer Professoren in den späten 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden ist. HPs "Weihnachtsgrippe" war eine Garage in der 367 Addison Avenue in Palo Alto. Sie ist heute Pilgerstätte und Kultort für Touristen und IT-Enthusiasten. Wie viele andere ist auch Google von Stanford-Studenten gegründet worden. Dem Valley versucht übrigens Austin (Texas) seit geraumer Zeit mit "Austin Hills" seine eigene Version entgegen zu setzen.

Mit der Technik kam auch das Geld in das ehemalig von Orangenfarmen gezierte Land. Einer der frühen und heute größten Risikokapitalgeber der IT-Branche, Kleiner Perkins mit Sitz in der berühmten Sand Hill Road in Menlo Park, ist wie so viele andere eine Art Spin-off von Fairchild Semiconductor, aus der auch Intel sich abspaltete. Das Valley vereint somit Forschung, Erfindergeist und Geldgeber zu einer Synthese, die oft kopiert aber noch nicht erreicht worden ist. Seit dem Zweiten Weltkrieg und den 1950er Jahren floss neben privatem Geld auch sehr viele Regierungsgeld in die Region. Der weitgehend militärisch geprägte Technologiewettlauf zwischen der Sowjetunion und den USA wirkte katalytisch. – Nur, dass man es damals noch nicht "Tech Cold War" nannte, der heute ein wesentlicher Teil der systemischen Auseinandersetzung zwischen Amerika und China ist.

Bei näherer Betrachtung repräsentiert das Silicon Valley aber nicht nur im Hinblick auf seinen sagenhaften Aufstieg und seine heutige Bedeutung eine Art modernes Märchen.

Geist aus der Flasche?

Es gehört zu den Mythen und Märchen des Valleys, dass es seine Position als Hexenkessel der IT- und Biotech-Innovation sowie seinen unternehmerischen Erfolg allein dem Genius der dortigen Unternehmen und ihrer extrem dichten Clusterung verdankt. Das ist in der Tat ein Teil der Wahrheit. – Aber eben nur ein Teil.

Erzeugt mit MS Designer

Zu der gehört auch, das es einen Geist aus der Flasche gab, der dem Erfolg auf die Sprünge geholfen hat. Historisch betrachtet haben wir es nämlich mit einer einzigartigen Mischung aus staatlicher Förderung seit der unmittelbaren Nachkriegszeit, Schützenhilfe durch (oft staatliche) Forschungsinstitute und anschließender unternehmerischer Kommerzialisierung der Ergebnisse zu tun. Diese passierte erst im großen, nationalen amerikanischen Markt und dann weltweit. Wer wie die amerikanische IT schon in ihrer Frühphase mit Hilfe von sicheren Staatsaufträgen in beträchtlicher Höhe und Schützenhilfe aus der Wissenschaft sein Geschäft abgesichert und risikofreier als andere betreiben konnte, stand sicher ganz anders da als etwa ein Konrad Zuse oder die Leute von Blechtley Park im Nordwesten von London. Ihnen wurde stattdessen ein Maulkorb für ihre kriegsbedingten IT-Innovationen auferlegt. – Und der geniale Alan Turing, einer der Väter der Informatik, wurde gar wegen seiner Homosexualität staatlich verfolgt und in den Selbstmord getrieben. Damit waren sowohl in Deutschland wie auch in England vielversprechende Ansätze zunichte und die Möglichkeit der Kommerzialisierung im Vergleich zu den USA nur sehr begrenzt geben. Fehler von historischer Tragweite… .

Wer die enge, historische Verzahnung von Silicon Valleys Tech-Unternehmen und der amerikanischen Regierung im Detail verstehen will, dem empfehle ich Margaret O’Maras 2019 erschienenes Buch "The Code. Silicon Valley and the remaking of America".

Geschichte ist die Wissenschaft, die hilft, die Zukunft zu verstehen.

In Deutschland gibt es derzeit eine Debatte über staatliche Subventionen zur Ansiedlung von High-Tech Firmen. Ich denke dabei an Intels Chipfabrik in Sachsen Anhalt oder Volts Batteriefabrik in Schleswig Holstein. Manche halten die gezahlten Subventionen für überzogen oder gar unnötig. Wie kurzsichtig darf man eigentlich sein, um im TV in Sachen High-Tech Branche immer noch als Experte auftreten zu können?

Ein Blick in die USA – und insbesondere in die Historie des Valleys und der IT insgesamt – könnte bei dieser Diskussion helfen. Während die Amerikaner ein historisches Erfolgsmodell unter anderen Vorzeichen kontinuierlich wiederholen, führen wir Debatten, die gut sind für die Meinungsvielfalt, aber schlecht für den Standort. Auch Amerika hat mal mehr und mal weniger IT subventioniert, ist aber beim Grundmuster seines Modells geblieben. Es verdankt seine globale Dominanz in dieser Zukunftstechnologie eben auch der Unterstützung durch den Staat. China macht es übrigens genauso, wenn auch durchaus auf andere Weise. Die Tatsache, dass die Geschichte der IT erst auf beiden Seiten des Atlantiks geschrieben wurde, jetzt aber auf beiden Seiten des Pazifiks fortgeführt wird, ist leider kein Zufall.

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