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Wildes Treiben im Schweizer Software-Markt

Ein Gastbeitrag von Christoph Hugenschmidt, Zürich *

Fressen und gefressen werden

Ende Februar 2024 war es wieder so weit: Ein bekannter, wenn auch kleinerer Player der Schweizer Software-Branche, wurde verkauft. Diesmal ging das Luzerner Softwareunternehmen Zeit AG über den Ladentisch. Als Käuferin tritt die kanadische Volaris auf. Die Zeit AG stellt Software für – wen wundert’s? – Zeiterfassung her. Volaris ist in der Schweiz nicht unbekannt, denn sie besitzt, neben einigen kleineren Firmen, mit BBT einen von zwei größeren Schweizer Herstellern von Software für Krankenkassen.

 

Goldgrube Business Software

Die Übernahme der Zeit AG ist nur ein Beispiel von vielen. Allein in den letzten rund sechs Jahren wurden über 60 unabhängige, etablierte Schweizer Software-Hersteller verkauft. Der Schweizer Markt ist für Investoren offensichtlich interessant. Verwundern kann dies nicht: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Hochlohn-Land Schweiz sind oft technologienah und investitionsfreudig. Viele von ihnen sind in kleinen Nischen im Weltmarkt tätig. 

 

Erzeugt mit MS Designer

Wer angesichts des starken Frankens überleben will, muss dauernd an der eigenen Effizienz schrauben und ist bereit, relativ hohe Preise für Digitalisierungsprojekte zu bezahlen. Zudem sind Firmen äußerst treue Kunden, wenn es um betriebswirtschaftliche Software für Buchhaltung, Betriebsführung und -Planung (ERP) geht. Auch kleinere Anbieter liefern ihren Besitzern deshalb über Jahre beständig hohe Gewinne. Genau darauf sind Beteiligungsfirmen und ihre Eigner, oft Pensionskassen, scharf.

Auffallend aktiv waren Beteiligungsfirmen aus Deutschland und Grossbritannien, so die Berliner Elvaston Capital Management und die britische Forterro, die wiederum der Schweizer Partners Group gehört. Elvaston übernahm schon 2017 den Basler CMS-Spezialisten Magnolia, einer der wenigen Schweizer Anbieter, der sich auf den Weltmarkt vorgewagt hatte. Vier Jahre später reichte Elvaston die Firma an die Hamburger Genui weiter. 2018 schnappte sich Elvaston die österreichisch-deutsche Infoniqa, verkaufte aber 2020 die Mehrheit wiederum an Warburg Pincus.

Die Sage-Saga

Zusammen mit Infoniqa kaufte Elvaston einen ganzen Zoo von ERP-Herstellern im deutschen Sprachraum zusammen. Elvaston selbst übernahm einige kleinere, spezialisierte Schweizer Anbieter während die mit Geld von Warburg Pincus aufgerüstete Infoniqa im April 2021 ihrerseits für 50 Millionen Franken die Schweizer Niederlassung der britischen Sage kaufte. In einen Kaufrausch geraten, übernahm Infoniqa danach auch noch Sage-Konkurrenten wie Selectline und Run my Accounts. Auch Forterro kaufte mit MyFactory und Proffix einstige Konkurrenten zusammen.

Erzeugt mit MS Designer

Hinter dem ziemlich wilden Treiben von Elveston / Infoniqa / Warburg Pincus und Forterro/Partners Group ist wenig industrielle Logik sichtbar. Werden Software-Firmen verkauft, so sind sie danach meistens für ein paar Jahre mit sich selbst beschäftigt. Ihre Kunden registrieren schlechteren Support und nachlassende Energie für Innovation und beginnen sich nach Alternativen umzuschauen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Schicksal der Produkte, die neu unter der Infoniqa-Flagge segeln. Da war einerseits die Firma Softinc, deren Software "FibuNT" 1993 an einer Messe zur Software des Jahres gewählt wurde. 1999 kaufte Sage den Hersteller. 2005 übernahm Sage dann die Firma Simultan, einst die Nummer eins im Markt. Sage kaufte noch da und dort zu, doch die einst führenden Produkte verloren stetig Marktanteile. Gut 15 Jahre später griff dann eben Infoniqa zu. Sage wird zwar über die Jahre hinweg schöne Gewinne aus der Schweiz abgesogen haben, bekam aber zum Schluss nicht mal den einst bezahlten Kaufpreis zurück. 

 

Und dann noch die Post

Mit der Schweizer Post trat in den letzten Jahren ein branchenfremder Riese im Software-Markt auf. Die Post will wegbrechende Erträge aus dem klassischen Briefgeschäft durch den Aufbau eines neuen Geschäftsfelds kompensieren und hat dafür drei Milliarden Franken auf die Seite gelegt. Seither übernahm die Post (unter anderem) einen verlustreich operierenden Anbieter von betriebswirtschaftlicher Software für Kleinfirmen (Klara), einen in die Jahre gekommenen Hersteller von Lösungen für Kommunen (Dialog), einen Walliser IT-Dienstleister (T2i) und eine Plattform für die Finanzindustrie für die sichere online-Kommunikation mit Kunden (Unblu). Ob es der Post gelingen wird, einen wirklich profitablen Geschäftszweig mit Hilfe wild zusammengekaufter Firmen aufzubauen, ist fraglich. Zumal unterdessen in den Schweizer Parlamenten die Strategie des Staatsbetriebs vermehrt hinterfragt wird.

 

Ist da noch jemand?

Die Liste der in den letzten Jahren verkauften Software-Firmen ist lang. Von A wie AdCubum und Avaloq (Software für die Finanzindustrie) über N wie Netcetera (Individuallösungen) bis zu U wie Umantis (HR). Viel kürzer ist die Liste der grösseren, unabhängig gebliebenen Hersteller von betriebswirtschaftlicher Software.

Erzeugt mit MS Designer

Es sind nämlich gerade noch zwei: Abacus und Opacc. Diese beiden local heros sind die grossen Gewinner des Übernahmereigens. Abacus hat 2023 sogar die übermächtige SAP als Nummer 1 Anbieter im ERP-Markt vom Thron gestossen .

Die beiden recht unterschiedlichen Player sind zwar die grossen Profiteure der Übernahmewelle der letzten Jahre, stehen aber ebenfalls vor Herausforderungen. Beide müssen nämlich in den nächsten Jahren die Gründergeneration ablösen und die Frage der zukünftigen Besitzverhältnisse beantworten.

 

* Der Autor

Christoph Hugenschmidt ist Mitgründer des Online-Branchenblatts Inside IT. Heute ist er Freelance-Journalist und Autor des Buches "Inside Abacus und die verrückte Geschichte der Schweizer IT-Branche." Verlag Hier und Jetzt.

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