Zeitenwende

Wie die IT unsere Welt verändert

Blog-Kategorien

Blog » Politik und IT » Schwerter zu Bytes – Smokeless War und die Neuerfindung des Krieges

Schwerter zu Bytes – Smokeless War und die Neuerfindung des Krieges

Der Cyberraum als virtuelles Schlachtfeld

Begriffe wie Cyber War, Silent War oder Smokeless War finden immer mehr Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch. Sie bezeichnen eine breite Spanne von Aktivitäten privater und staatlicher Akteure, deren Ziele mal gewöhnlich kriminell sind und mal die Auseinandersetzung zwischen Staaten betreffen. Im Folgenden ist unter Cyber War und seinen Synonymen der militärische Einsatz der IT im Cyberraum gemeint. "Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern". Der biblische Satz aus dem Buch der Propheten (Micha, 4:3) kann mit Bezug auf die modernen Keyboard Warrior durchaus in "Schwerter zu Bytes" umformuliert werden.

Neue Waffentechnik hat zu allen Zeiten militärische Auseinandersetzungen verändert. Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein ginge es dabei stets um das Töten des Gegners. Pfeil und Bogen, Schießpulver, Musketen, Kanonen, Giftgas und Artilleriegeschosse dienten und dienen diesem Zweck. Sie und ihresgleichen waren lange die alleinigen Werkzeuge des Krieges. Ab den 1940er Jahren wurden moderne Computer wie ENIAC in den USA und Colossus in Großbritannien gezielt für militärische Zwecke entwickelt und eingesetzt. ENIAC diente ursprünglich der Berechnung von Flugbahnen für Artilleriegeschosse und wurde dann im Manhattan-Projekt für die Entwicklung der Atombombe genutzt. Colossus fand seine Bestimmung in der Dechiffrierung der Kommunikation von Heer und Marine Nazi-Deutschlands. Konrad Zuses 1941 gegründete "Zuse Ingenieurbüro und Apparatebau“ wurde durch die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) unterstützt, in deren Auftrag er mit seinem Freund und Kollegen Helmut Schreyer den berühmten Rechner Z3 baute, während beide mit „Plankalkül“ eine der ersten Programmiersprachen der Welt entwickelten.

Die Allgegenwärtigkeit des Internets seit der Jahrtausendwende und unsere ausgeprägte strukturelle Abhängigkeit von ihm, hat nicht nur neue digitale Waffen entstehen lassen. Sie hat zu einem ganz neuen Raum für Auseinandersetzungen geführt, ein virtuelles Schlachtfeld mit realer Wirkung. Die Mittel des "Kinetic War", also der klassischen Kriegführung mit Panzern, Flugzeugen und anderem Gerät, werden weiterhin eine große Rolle spielen. Dennoch wird der Krieg nun auf zwei Ebenen geführt, einer physischen und einer virtuellen. Die Parallele zur Wirtschaft, die ebenfalls physisch und virtuell stattfindet, ist offenkundig und macht einmal mehr deutlich, wie das Internet die Welt in kurzer Zeit verändert hat. Die disruptive Kraft der IT hat auch in die Armeen dieser Welt Einzug gehalten, zu Neuorganisationen und neuen Truppenteilen geführt. Diese sind auf der einen Seite der digitale Backbone der physischen Streitkräfte und ermöglichen ihnen, ihre Aufgaben effizienter zu erledigen. Auf der anderen Seite sind sie aber auch operatives Mittel im Cyber War, sei es für defensive oder für offensive Missionen.

Ob Wirtschaft oder Militär, wer auch immer IT als eine Säule seine Aktivitäten einsetzt, muss vier wichtige Konsequenzen im Auge behalten. Erstens muss damit zwingend das Ende aller Langsamkeit einhergehen. Alteingesessene Monster-Bürokratien, wie etwa das Beschaffungsamt der Bundeswehr, passen nicht in eine Welt, in der die Schnellen die Langsamen fressen und nicht die Großen die Kleinen. Wenn die technischen Innovationszyklen nur zwei Jahre betragen, sind solche Ämter hoffnungslos disfunktional und strukturelle Reformen sind erforderlich. Zweitens muss die Zusammenarbeit mit smarten Startups und anderen, jungen Unternehmen, die mit hohem Innovationstempo arbeiten, gesucht werden. Kreativität findet nicht mehr nur in den Laboren großer Rüstungskonzerne statt. Ein gutes Beispiel dafür ist die 2015 gegründete Quantum Systems aus München, die regierungsfinanziert Aufklärungsdrohnen an die Ukraine liefert. Aufgrund ihrer technisch fortgeschrittenen Systeme zieht sie internationales Wagniskapital an, darunter auch von Peter Thiel, dem Mitgründer von Paypal und frühen Investor in Facebook. Auch die NATO hat richtig reagiert. Sie gab am 30. Juni 2022 bekannt, dass 22 ihrer 31 Mitglieder einen Innovationsfonds in Höhe von 1 Milliarde US Dollar schaffen. Er investiert in frühe Startups und Risikokapitalfonds, die "prioritäre" Technologien wie Künstliche Intelligenz, Big Data-Anwendungen und Automatisierung entwickeln. Ich bin lange genug in der IT um zu wissen, dass manche Hersteller gerne mehr versprechen, als sie halten können. Nicht nur deshalb ist der Weg über einen solchen Fond sicher eine passende Ergänzung zur privatwirtschaftlichen Zusammenarbeit mit jungen Unternehmen. Drittens ist jeder, der im Cyberraum agiert, grundsätzlich weltweit tätig, ob in defensiver oder offensiver Mission. Landesverteidigung findet damit überall statt, der Weltcomputer Internet macht nicht an Landesgrenzen halt. Entsprechend global müssen militärische Cyber-Organisationen und ihr Auftrag ausgelegt sein und die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen dafür stimmen. Nur vor der eigenen Türe kehren zu dürfen, war gestern.

Foto Jimi Malmberg auf Unsplash

Die vierte Konsequenz zeigt ebenfalls eine Parallele zur Wirtschaft. Letztere ist ständig den Angriffen von Hackern ausgesetzt, die aus unterschiedlichen Herkunftsländern agieren. Die größten Erfolge werden immer dann erzielt, wenn die beteiligten Dienste, wie etwa die Landeskriminalämter, mit den Ermittlern von anderen Ländern zusammenarbeiten. Das (vorläufige) Ende der russischen Erpresser-Gruppe Hive im Juni 2022 ist ein gutes Beispiel dafür. Spezialisten des Landes Baden-Württemberg gelang es, deren Netzwerk zu hacken. In der Folge wurde sie Anfang 2023 von einem internationalen Konsortium von Strafverfolgungsbehörden, u.a. aus Deutschland, den USA, den Niederlanden und England, zerschlagen. Alleingänge funktionieren im Web in der Regel nicht, Tech-Nationalismus ist die Vorstufe des Versagens. Eine wohl organisierte, enge Zusammenarbeit zwischen Ländern mit gleichen Wertvorstellungen und strategischen Zielen ist damit auch für das Militär sehr wichtig.

Hybride Kriegführung als "New Normal"

Die Brisanz des Themas Cyber War hat Joe Biden am 28.07.2021 anlässlich eines Besuches bei der US Geheimdienstkoordination klargestellt: "Wenn wir in einem Krieg, einem echten Krieg, mit einer Großmacht enden, dann infolge eines Cyberangriffs von großer Tragweite." Die Warnung an die großen und kleinen Systemgegner, es mit Cyberangriffen nicht zu übertreiben, ist unmissverständlich. Der militärische Paradigmenwechsel hat global in etwa gleichem Zeitrahmen zu bedeutsamen Reorganisationen geführt.

Das 2009 gegründete United States Cyber Command (USCYBERCOM), eine Abteilung des Pentagons, formuliert seine Aufgabe aggressiv und entschlossen: "As the nation’s first line of defense in cyberspace, we operate at the speed, relevance and scale necessary to win". Seine taktischen Prinzipien sind im sog. CODE niedergelegt. Diese Leitsätze würden auch so manchem kommerziellen Unternehmen gut stehen.

Quelle: https://www.cybercom.mil/Our-CODE//

Ein weiteres Beispiel gibt die Bundeswehr. Sie hat ebenfalls zuvor verstreute Aufgaben und Kompetenzen im Jahre 2017 im Kommando Cyber- und Informationsraum (KdoCIR) zusammengeführt. Es trägt die Gesamtverantwortung für die Aktivitäten der Armee im Cyberraum. Dazu gehören Cyber-Offensive und -Verteidigung, Informationsgewinnung und Aufklärung, Geo-Informationsdienste,  strategische Kommunikation und "Informationskampfführung" (z.B. im Sinne der Desinformation von Gegnern) und andere Dienste.

Kommando Cyber- und Informationsraum

Besucht man die einschlägigen Webseiten unserer Armee, so fehlt der "Pepp", den die Amerikaner – wie oben gezeigt – zum Ausdruck bringen, obwohl die Aufgaben mit denen des Cyber Command vergleichbar sind. Die Darstellung hat einen Hauch von Amtssprache und der Wunsch zu gewinnen, wird politisch korrekt nicht erwähnt. Wir üben halt noch, schließlich war die Bundeswehr ja lange Zeit nicht gefragt und das Militär wurde eher als "unvornehm" angesehen. Der Weckruf kam im Februar 2022.

China Strategic Support Force, SSF

Die Volksrepublik China scheint mit ihrer 2015 geschaffenen Strategic Support Force (SSF) organisatorisch und inhaltlich in Sachen Cyber War einen ähnlich breiten und integrativen Ansatz zu verfolgen. Auch hier ist die Cyber Force eine Art Backbone für alle anderen Truppenteile. Direkte, öffentlich zugängliche Quellen dazu sind sehr rar. Larry Wortzel, ein Senior Fellow des American Foreign Policy Council mit seinen sehr engen Verbindungen zur amerikanischen Politik, sieht die SSF als eine Art Zusammenschluss aus US Cyber Command, der National Security Agency (NSA), der U.S. Space Force und dem Strategic Command. Ein Artikel der South China Morning Post vom 19. Dezember 2022 beschreibt die SSF so: "Its roles range from cyberwarfare to data analysis, and its function is to support all aspects of the armed force". Um dieses Ziel zu erreichen, bündelt die SSF zuvor disparat agierende Einheiten der Volksbefreiungsarmee für die Bereiche Cyberkriegsführung, Raumfahrt, elektronische Kriegsführung und psychologische Operationen. Der explizit geäußerte Wunsch, damit zu gewinnen, kommt auch hier, ähnlich wie bei den Amerikanern, deutlich zum Ausdruck. Die South China Morning Post zitiert dazu einen Artikel aus der Parteizeitung People’s Daily von 2016: “It integrates the ground, navy, air and rocket forces from beginning to end of an operation. That’s the key to winning wars.”

Beitrag senden

WhatsApp
E-Mail

Auf social media Teilen

XING
Facebook
Twitter/X
LinkedIn

Inhalt

Neueste Beiträge

Politik und IT

Chinas KI-Tiger

Künstliche Intelligenz – viel älter als der Hype OpenAI löste mit dem Bot ChatGPT im November 2022 einen bisher nicht gekannten Medienhype und Investment-Boom für Künstliche Intelligenz aus. Derzeit soll

Weiterlesen »
Keine weiteren Beiträge vorhanden