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Werden wir alle neu sozialisiert?

In einer Umfrage in den USA vom Februar 2021 gaben 46 Prozent der Befragten an, im Durchschnitt fünf bis sechs Stunden täglich an ihrem Smartphone zu verbringen, wobei die arbeitsbedingte Nutzung nicht mitgerechnet wurde. Weitere 11 Prozent kamen gar auf sieben oder mehr Stunden, und 22 Prozent sagten, dass sie im Durchschnitt "nur" drei bis vier Stunden täglich am Handy sind. Lediglich fünf Prozent meinten, weniger als eine Stunde pro Tag ihr Smartphone zu nutzen. Die übrigen 16 Prozent lagen bei ein bis zwei Stunden. Geht man davon aus, dass unsere durchschnittliche Wachzeit bei rund 17 Stunden liegt, dann spielt der Handykonsum bei breiten Bevölkerungsschichten eine erhebliche Rolle in ihrem Tagesablauf. Da der Tag nur 24 Stunden hat, bleibt entsprechend weniger Zeit für die Interaktion mit anderen Menschen. Man spricht von "Postsozialität", wenn der Umgang mit anderen durch nicht-menschlichen Umgang mit Computern ersetzt wird. Die Evolution hat uns nicht für die Nutzung von Technik konditioniert, sondern für den persönlichen Umgang miteinander. Postsozialität steht nicht auf dem Entwicklungsplan der Natur. Daher funktionieren viele unserer Instinkte am Computer nicht, unser Verhalten ist oft nicht dasselbe wie im sogenannten wirklichen Leben. Es fällt sehr schwer zu glauben, dass dies folgenlos für unsere Sicht der Welt, unser Verhalten und unsere Psyche bleibt. Das Internet resozialisiert uns still und leise, eine Art zweite Sozialisation ist das Ergebnis.

Meister Yodas Weisheit

Wenn Eltern oder Kinder ihre Zeit am Smartphone verbringen, leidet der persönliche Umgang miteinander, durch den soziales Verhalten vermittelt und geprägt wird. In Restaurants ist immer wieder zu beobachten, wie Paare sich am Tisch mit dem Handy beschäftigen, statt miteinander zu sprechen. Aber vielleicht ist meine Interpretation ja auch falsch und in Wirklichkeit kommunizieren sie hochfrequent miteinander über WhatsApp? Schlimmer noch: Eltern und Kinder sitzen stumm und jeder für sich alleine am Tisch, verhalten sich postsozial, anstatt miteinander zu reden. Wir delegieren unsere Prägung, insbesondere die unserer Kinder, an Unbekannte im Netz. Das Internet gibt uns zu jeder Zeit und nahezu von jedem Ort aus Zugang zur Welt. Dabei wird oft vergessen, dass es der Welt auch Zugang zu uns gibt. Nicht jeder, der sich im Netz tummelt, hat die besten Absichten. Der weise Meister Yoda aus der Star Wars Kultserie hat es treffend beschrieben, als er sich als Vorbote der Cyber-Psychologie zu erkennen gab: „When you look at the Dark Side, careful you must be. For the Dark Side looks back.“

Foto von Riku Lu auf Unsplash

Cyber-Psychologie und Cyber-Effekte

Cyber-Psychologie ist der recht junge Wissenszweig, der sich mit den Einflüssen des Internets auf unser Verhalten, unsere Werte und Normen bis hin zu unsere gefühlten Gruppenzugehörigkeit und sozialen Identität beschäftigt. Wie bei allem im "richtigen" Leben finden sich auch hier Licht und Schatten. Folgt man Marie Aiken, einer Dozentin für Psychologie am Dublin University College in Irland und wissenschaftliche Beraterin von Europol in Sachen Cyber Crime, dann lassen sich eine Reihe solcher Cyber-Effekte ausmachen. Auf einige, alltäglich beobachtbare und für unsere "Resozialisation" wesentliche, möchte ich eingehen. Es handelt sich um Enthemmung, Verhaltensverstärkung, Syndikalisierung und Cyber-Migration.

Enthemmung ist einer der offensichtlichsten Cyber-Effekte. Es gibt einfach zu viele Menschen, die in Emails, Chats oder in Sozialen Netzwerken in einer Weise überzogen reagieren, wie sie das im direkten persönlichen Kontakt niemals tun würden. Viele von uns mögen das im Emailaustausch im Arbeitsleben oder etwa in Kommentaren auf Sozialen Netzwerken schon erlebt haben.

Eng verbunden mit den leicht gemachten Entgleisungen am Computer ist die Verhaltensverstärkung, die Fachleute als Online Amplification bezeichnen. Ein interessantes Beispiel dafür ist die Cyberchondrie. Damit gemeint sind Angststörungen mit Blick auf die Gesundheit, die durch Internetrecherche erzeugt oder verstärkt werden. Jeder, der Dr. Google befragt hat, wenn er mal Magenkneifen hatte, wird das Nachvollziehen können. Was durch eine Tasse Tee hätte behoben werden können, gerät durch die Recherche im Netz leicht zur lebensbedrohlichen Krankheit. Natürlich ist das kein Zufall, Seitenbetreiber legen ihre Verschlagwortung gerne so aus, dass die Besucherzahlen auf ihren Webseiten nach oben gehen. Je dramatischer, desto besser für die Klickfrequenz.

Foto von Colin Lloyd auf Unsplash

An sich harmlos, kann sich Syndikalisierung (Online Syndication) zu einer ernst zu nehmenden Gefahr auswachsen, wenn sich Gleichgesinnte mit bedenklichen Ansichten im Netz zu Gruppen zusammenfinden und in ihren Meinungen bestätigen. Technologie erleichtert das ungemein. Wer als Anhänger von abstrusen Verschwörungstheorien in einem dünnbesiedelten ländlichen Raum lebt, hat keine ganz große Chance, auf jemanden zu treffen, der ähnlich tickt. Im Netz stellt sich dieses Problem nicht. Menschen, die auf derselben Wellenlänge liegen, sind im Cyber Space leicht zu finden. Man ist plötzlich nicht mehr isoliert und bekommt Beifall für seine Meinung, statt negative Kritik aus seinem engeren Lebensumfeld. Syndikalisierung und Radikalisierung liegen of eng beieinander.

Cyber-Migration beschreibt die Übernahme von Verhalten im Netz in unser Offline-Leben. Angesichts der erheblichen Zeit, die wir online verbringen, liegt der Gedanke an solche Übernahmen nahe. Die Communities, denen wir in den Sozialen Medien beitreten, die Meinungen, auf die wir treffen, die neuen „Freunde“, mit denen wir chatten, hinterlassen ihre Spuren in unserem Denken und Handeln. Ganz unbemerkt findet die erwähnte, zweite Sozialisation statt. Je jünger wir sind, desto stärker ist ihre Wirkung.

Die hier beschriebenen Cyber-Effekte sind als menschliche Verhaltensweisen grundsätzlich nicht neu. Neu hingegen sind ihre Verbreitungsgeschwindigkeit und Reichweite. Das macht sie gefährlicher als die Radikalisierung am Stammtisch. 

Mehr Licht!

Die angeblich letzten Worte von Goethe weisen den Weg. Die dargestellten digitalen Psychogramme – sieht man von der Enthemmung einmal ab – lassen sich durch zahlreiche Positivbeispiele ebenfalls beschreiben und damit in einem besseren Licht darstellen. Leider lieben unsere Medien vor allem negativ tendierende Diskussionen über Technik, weshalb sie seltener Erwähnung finden.

Foto von Elissa Garcia auf Unsplash

Ein besonders schlagendes Beispiel für einen solchen Effekt repräsentiert eine Mischung aus Syndikalisierung und Verhaltensverstärkung. Es handelt sich um einen Vorgang bei Airbnb, einem führenden Vermittler von privaten Ferienwohnungen und Zimmern. Sarah Brown aus Salt Lake City buchte im März 2022 über Airbnb ein Zimmer bei Ekaterina Martiusheva in Kiew, um Menschen in der Ukraine in Kriegszeiten zu unterstützen. Sie hatte nie die Absicht, es zu nutzen, checkte aber trotzdem ein. Airbnb bezahlt die Wirte 24 Stunden nachdem der Gast eingecheckt hat. Ekaterina erhielt das Geld daher zeitnah und in einem Telefonat mit dem US-Sender National Public Radio (NPR) erzählte sie, wie viel diese Spende für sie bedeutete. Verbreitet über Facebook, trat Sarah Brown eine Welle los. Innerhalb von zwei Tagen wurden über 61.000 Übernachtungen in der Ukraine mit einem Wert von über zwei Millionen Dollar aus aller Welt gebucht. Als Airbnb den Vorgang bemerkte, erließ das Unternehmen allen Wirten und Gästen die Gebühren. Ich bin versucht, den Satz des weisen Yoda zu ergänzen: auch die helle Seite schaut zurück, wenn man im Web unterwegs ist.

Beitragsbild  von Tengyart auf Unsplash

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