Aus der IT-Geschichte lernen?

Die moderne IT ist in wesentlichen Teilen während des Zweiten Weltkrieges und den Folgejahren des Kalten Krieges entstanden. An ihrem Ende war der Grundstein zur der bis heute währenden technologischen, politischen und ökonomischen IT-Dominanz der USA gelegt. Erst in jüngster Zeit wird diese Position durch China stark herausgefordert. Was waren die wichtigsten Faktoren für diese Entwicklung?

Der Aufbruch in die moderne IT begann an den Hauptschauplätzen Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten im Wesentlichen zeitgleich und weitgehend unabhängig voneinander. Die auffallende Koinzidenz war kein Zufall. Zum einen stellte die prämoderne Rechentechnik keine genügende Antwort auf die Erfordernisse komplexer werdender Problemlösungen mehr dar. Zum anderen – und wesentlicher – erzeugten der Zweite Weltkrieg und der anschließende Kalte Krieg einen erheblichen Handlungsdruck. In einer Zeit wachsender systemischer Auseinandersetzung zwischen den beiden Machtblöcken von West und Ost erhoffte man sich durch die Digitalisierung von Waffentechnik und Infrastruktur Vorteile für den eigenen Sieg. – Auch wenn der Begriff Digitalisierung damals noch nicht in Gebrauch war. Dies wirkte sich auf die Entwicklung von modernen Rechenmaschinen und Software katalytisch aus. Die Bilder von damals und heute gleichen sich, nichts anderes spielt sich aktuell zwischen den USA und China ab.

pixabay license
Bild von Peace,love,happiness auf Pixabay

Was ist modern?

Die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts markieren den Übergang von der elektromechanischen zur elektronischen Datenverarbeitung. In dieser Phase wurden Rechner noch für einen speziellen Zweck gebaut. Den Kriegszeiten geschuldet waren diese in der Regel militärischer Art. Beispiele dafür sind ballistische Berechnungen für Artilleriegeschosse, Maschinen für die Dechiffrierung feindlicher Nachrichtenübermittlung oder die Optimierung der Statik von Flugzeugen. Die Idee, Computer für beliebige Zwecke einsetzen und mit Hilfe von Software programmieren und steuern zu können, entstand erst während des Krieges und wurde dank entsprechender technischer und theoretischer Vorarbeiten sukzessive realisiert. Programmieren bedeutete bis dahin im wesentlichen das Umstecken von Kabeln zwischen den einzelnen Hardwarekomponenten eines Rechners, je nachdem welche Aufgabe er bewältigen sollte. Fotos des während des Krieges mit Hilfe des amerikanischen Verteidigungsministeriums gebauten Großrechners ENIAC stellen das anschaulich dar. Im Falle von ENIAC war es zumeist weibliches Personal, das diese komplexe Arbeit erledigte. Als "the women of ENIAC" sind sie auf diese Weise in die IT-Geschichte eingegangen. Konrad Zuses Plankalkül war eines der ersten modernen Programmierwerkzeuge mittels Software und stellte demgegenüber einen erheblichen Fortschritt dar. Es wurde zwischen 1942 und 1945 entwickelt und bereitete den Weg für universell einsetzbare Rechner.

Eine weitere Innovation vollzog sich ebenfalls im Zweiten Weltkrieg. Die Computer der ersten Generation waren elektromechanisch, d.h. sie nutzten mechanische Relais zur Steuerung ihrer Schaltkreise. Auch hier war Konrad Zuse mit seiner Z1 von 1936 einer der Vorreiter. Die zweite Generation der 1940er und Folgejahre verzichtete zunehmend auf die Nutzung von Relais und setzte statt ihrer Elektronenröhren ein. Beispiele für Rechner dieser Art sind der britische Colossus, der schon erwähnte ENIAC sowie der ebenfalls amerikanische Harvard Mark I, der 1943 fertiggestellt wurde. Die Folgegenration entsprach nach Bauart im Prinzip den heutigen Rechnern. Sie ersetzte die Röhren durch Transistoren, deren Stromfluss von Widerständen gesteuert wurde und verfügte über interne, elektronische Datenspeicher. Mit ihnen konnte man Programme und Daten im Rechner hinterlegen und damit zunehmend auf die bis dahin gängigen Lochkarten verzichten. Mit diesen drei Kriterien, universelle Programmierbarkeit, elektronische Datenverarbeitung und elektronische Speicher war die Blaupause für die folgenden Generationen geschaffen.

 

Erfolg mit vielen Vätern

In Großbritannien, dem dritten im Bunde führender, transatlantischer Computerentwickler, wurde mit Colossus eine Rechenmaschine gebaut, mit deren Hilfe man letztlich erfolgreich versuchte, die Kommunikation der deutschen Wehrmacht zu dechiffrieren. Colossus war ein "Brain Child" des Ingenieurs Tom Flowers, einem Angestellten des britischen Post Office. Seine Arbeit ist, wie auch die von Zuse, ein Beispiel für die Konvergenz von Nachrichten- und Computertechnik. Die erste Version von Colossus aus dem Jahre 1943 besaß ca. 1600 elektronische Röhren und wurde noch wie ENIAC mittels Neuverkabelung programmiert.

Aus diesen skizzenhaften Ausführungen wird schon deutlich, dass es "den" Erfinder des modernen Computers nicht gibt. Der Erfolg hat in diesem Falle tatsächlich viele Väter. 

Neueste Beiträge

Politik und IT

Chinas KI-Tiger

Künstliche Intelligenz – viel älter als der Hype OpenAI löste mit dem Bot ChatGPT im November 2022 einen bisher nicht gekannten Medienhype und Investment-Boom für

Weiterlesen »